Was der zweite Arbeitsmarkt und Tagesstätten leisten

26.01.2026 | Blog >

Für Menschen, die mit einer psychischen oder physischen Beeinträchtigung leben, ist der Weg in den Arbeitsmarkt oft kein gerader. In unserer Stiftung begegne ich immer wieder Menschen, die ihren Beruf im zweiten Arbeitsmarkt oder ihre Tätigkeit in einer Tagesstätte mit Freude ausüben – Menschen, die froh sind, an einem Arbeitsplatz zu stehen, an dem sie ihre Stärken zeigen können und nicht auf ihre Schwächen reduziert werden. Dies zeigt, wie viel Kraft darin liegt, wenn Arbeit ermöglicht – statt ausschliesst. Personen ausserhalb der Stiftung fragen mich immer wieder: Was ist eigentlich eine Tagesstätte? Und worin liegt der Unterschied zum zweiten Arbeitsmarkt?

 

Tagesstätten für Menschen mit Beeinträchtigung sind Orte, an denen der Tag Struktur bekommt – beispielsweise mit Kunst, Handwerk oder Naturpflege. Hier zählt das gemeinsame Tun, nicht Leistung. Sie geben Halt, soziale Kontakte und das gute Gefühl, Teil von etwas zu sein. In Tagesstätten gibt es keinen Lohn, keinen klassischen Arbeitsvertrag und nur ein sehr eingeschränktes wirtschaftliches Interesse. Im Vordergrund steht die Teilhabe.

 

Der zweite Arbeitsmarkt hingegen schafft Arbeitsplätze für Menschen, die wegen einer psychischen oder körperlichen Beeinträchtigung nicht (mehr) im regulären Arbeitsmarkt tätig sein können. Möglich ist das dank der Unterstützung der IV, die berufliche Massnahmen und geschützte Arbeitsorte mitfinanziert. Die meisten Mitarbeitenden im zweiten Arbeitsmarkt verdienen nur sehr wenig, ihr Einkommen stammt hauptsächlich von der IV-Rente und Ergänzungsleistungen. Arbeiten müssten sie also nicht; sie tun es, weil sie etwas beitragen wollen, weil sie gebraucht werden und weil Arbeit ihnen Sinn und Stolz gibt.

 

Im zweiten Arbeitsmarkt wird somit vor allem eins: gearbeitet – mit Verantwortung, Engagement und oft grosser Freude an der eigenen Aufgabe. Die Mitarbeitenden finden hier Unterstützung und einen individuellen Leistungsdruck. Die Rahmenbedingungen berücksichtigen die gesundheitliche Situation, ermöglichen angepasste Arbeitsschritte und realistische Anforderungen, was Überforderung vorbeugt. Trotzdem müssen Arbeiten erledigt und Projekte abgeschlossen werden: Mitarbeitende sind zu Recht stolz auf das, was sie leisten. Denn ihre Arbeit ist echt, wertvoll und wichtig – für sie selbst und für die Gesellschaft.

 

Diese Ausgabe widmet sich den Räumen zweiter Arbeitsmarkt und Tagesstätten, ihren Chancen, Grenzen und Geschichten. Sie soll zum Nachdenken anregen – darüber, was Arbeit bedeutet und wie wir sie gestalten wollen, damit sie für alle zugänglich bleibt.

 

Severin Kolb, Redaktionsleiter Austausch

 

Dieser Beitrag erscheint in der Vivazzo Zeitschrift Austausch zum Schwerpunktthema „Arbeitswelten“. Abonnieren können Sie die Zeitschrift (oder den Newsletter) hier.