Prof. Dr. Veronika Brandstätter-Morawietz ist Professorin für Psychologie an der Universität Zürich. Sie forscht zu Motivations- und Emotionspsychologie. Einer ihrer Schwerpunkte ist Zivilcourage. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was es zum mutigen gesellschaftlichen Handeln braucht.
Frau Brandstätter-Morawietz, Sie forschen seit vielen Jahren zur Zivilcourage. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?
Mich hat am meisten überrascht, wie viele Menschen Zivilcourage mit Heldentaten in Verbindung bringen. Sie denken, dass man etwas ganz besonders Mutiges tun muss, damit es zählt. Doch Zivilcourage zeigt auch, wer etwas dagegen sagt, wenn jemand rassistische oder sexistische Witze macht.
Was verstehen Sie unter Zivilcourage?
Zivilcourage ist eine Form des prosozialen Handelns – also ein Handeln, das darauf abzielt, dass es anderen Menschen wohl ergeht. Bei der Zivilcourage geht es konkret darum, seine Stimme zu erheben, wenn jemand anderes angegriffen wird. Wenn Menschen in ihrer seelischen oder körperlichen Integrität verletzt werden.
Können Sie uns Beispiele nennen?
Zivilcourage ist gefragt, wenn man etwas sieht oder hört, das gegen humanistische Werte verstösst. Man beobachtet zum Beispiel im Tram einen sexistischen Übergriff. Oder man wird Ohrenzeuge, wie jemand über eine Personengruppe, etwa Zugewanderte, beleidigend herzieht.
Wir treten also für eine andere Person ein?
Genau. Wir sagen oder tun etwas, wenn wir Unrecht sehen. Zur Zivilcourage gehört neben dem Handeln auch noch ein zweiter Aspekt. Es braucht eine bestimmte innere Haltung. Das zivilcouragierte Handeln orientiert sich an humanen, demokratischen, menschenrechtlichen, bürgerrechtlichen Prinzipien.
Warum ist Zivilcourage wichtig für eine Gesellschaft?
Demokratie ist etwas, das gepflegt werden muss. Und zu dieser Pflege gehört, dass man sich gegen Intoleranz, Verächtlichkeit und Demütigung von anderen Menschen wehrt. Als Teil der Gesellschaft sind wir verpflichtet, zu handeln, wenn wir Unrecht sehen.
Sie beschreiben einen starken Appell an uns Menschen. Was braucht es, um zivilcouragiert zu handeln?
Eine starke Werteorientierung. Wir müssen eine soziale Verantwortung verspüren. Menschen, die Zivilcourage zeigen, haben Werte wie Toleranz, Hilfsbereitschaft und Solidarität mit Schwächeren. Neben den Werten braucht es auch das entsprechende Verhalten dazu. Wenn das nicht zusammenpasst, sprechen wir in der Psychologie von einer Einstellungs-Verhaltens-Lücke. Unsere Einstellung und unser Verhalten klaffen auseinander. Wir finden etwas wichtig, verhalten uns aber nicht so.
Wie ticken Menschen, die tatsächlich zivilcouragiert handeln?
Es spielen verschiedene emotionale Aspekte eine Rolle. Dazu gehört zum Beispiel die Fähigkeit, empathisch zu sein. Menschen, die in der Lage sind, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und mitzufühlen, treten eher für andere ein. Und es sind Personen, die über eine hohe emotionale Stabilität verfügen. Sie sind in der Lage, auch in angespannten Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren.
Was tut man, wenn man das alles nicht mitbringt?
Wenn Werte fehlen, wird es schwierig. Wenn jemand keine humanistischen Werte mitbringt, wird diese Person wohl auch Mühe haben mit Zivilcourage. Sonst kann man zivilcouragiertes Handeln lernen und üben.
Wo zeigten Sie zuletzt selbst Zivilcourage?
Vor einem Jahr beobachtete ich eine Schlägerei im Zug. Erst habe ich mich laut bemerkbar gemacht und dann die Notsprechstelle im Zug betätigt. Aber ich erinnere mich auch an Situationen, in denen ich keine Zivilcourage gezeigt habe. Zuletzt zum Beispiel bei einer Sitzung, wo ich mich nicht gemeldet habe, als sich jemand abschätzig gegenüber einer anderen Person äusserte.
Interview durchgeführt von Daniel Fehr, Marketing & Kommunikation
Dieser Beitrag ist im Rahmen des Magazins „Austausch“ zum Thema Mut entstanden. Bestellen kann man den „Austausch“ hier.