Wenn das Leben anders läuft

26.01.2026 | Blog >

Ein persönlicher Blick von Svenja auf Chancen und Grenzen des zweiten Arbeitsmarkts.

 

Wenn man durch ein traumatisches Ereignis, wie eine Krankheit oder einen Unfall, aus der regulären Arbeitswelt gerissen wird, steht die ganze Welt erstmal Kopf. Dinge, die einem früher selbstverständlich und einfach erschienen, werden plötzlich zu Hindernissen, die man nur mit sehr viel Mühe und Kraft überwinden kann. Medikamente helfen, den Zustand zu stabilisieren, aber sie haben starke Nebenwirkungen. Man trauert der früheren Gesundheit und Unbeschwertheit nach und man erkennt sich selbst kaum wieder.

Oft verliert man während dieser Phase den Kontakt zu seinem Umfeld. Freunde wissen nicht, wie sie mit einem umgehen sollen und man selbst weiss es auch nicht. Aus Angst vor Ablehnung zieht man sich zurück und vereinsamt noch mehr.

Die geschützte Werkstatt

Nach mehreren Klinikaufenthalten war die geschützte Werkstatt für mich die erste Haltestelle, zurück in ein Stück Normalität. Dort hatte ich wieder einen geregelten Tagesablauf, ein soziales Umfeld und man kriegt Aufgaben zugeteilt, welche auf die momentane Leistungsfähigkeit zugeschnitten sind.

Die damalige Werkstätte war anfangs ideal, jedoch fühlte ich mich mit der Zeit unterfordert. Die Aufgaben, die mir zuvor halfen, mich zu stabilisieren, wurden zu einfach und repetitiv. Im Prinzip ist es, als würde man Velofahren lernen: Am Anfang geben Stützräder Halt, später hindern sie einem am Vorwärtskommen.

Ich sehnte mich nach mehr Verantwortung und sprudelte vor Motivation, mich weiterzuentwickeln. Doch nicht alle Stiftungen oder Werkstätten bieten Raum dafür. Manche Strukturen halten einen fest, statt einen zu fördern.

Wendepunkt: Zurück in meinen Beruf

Durch Zufall erfuhr ich von einer freien Stelle auf dem zweiten Arbeitsmarkt als Grafikerin bei der Vivazzo Stiftung. Ich bewarb mich und bekam die Chance, wieder in meinen erlernten Beruf einzusteigen. Dank meines neuen Teams, das mir vertraut, durfte ich wachsen, Neues lernen und mich beruflich wie persönlich weiterentwickeln.

Die Vivazzo Stiftung gab mir die passenden Rahmenbedingungen, um meine verloren geglaubten Fähigkeiten wieder zu aktivieren. Zum ersten Mal seit langer Zeit konnte ich mir wieder vorstellen, irgendwann in den ersten Arbeitsmarkt zurückzukehren.

Bevor ich krank wurde, hatte ich vielversprechende Zukunftsaussichten. Ich war jung, motiviert und unter den zehn besten Grafik-Absolvent:innen im Kanton Zürich, doch das Leben hat manchmal andere Pläne: Zwölf Jahre lang begleitete ich meine an frontotemporal (früh) Demenz erkrankte Mutter bis zu ihrem Tod. Durch diese Belastung bin ich tief gefallen, hart auf dem Boden aufgeschlagen und fast nicht mehr hochgekommen. Ich dachte, ich könne nichts mehr und sei nichts mehr wert. Es brauchte viel Unterstützung und Geduld, bis ich meinen Lebenswillen wiederfand.

Warum der zweite Arbeitsmarkt so wichtig ist

Die Arbeit im zweiten Arbeitsmarkt ist für viele von uns ein wertvolles Fundament, das uns Stabilität und Struktur bietet. Aber sie soll uns nicht nur beschäftigen. Für einige kann sie die entscheidende Chance sein, den Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt zu finden. Inklusive Mitarbeit bedeutet, flexible Modelle zu schaffen, die individuelle Bedürfnisse berücksichtigen. Jeder Mensch ist einzigartig – und genauso einzigartig sollten die Lösungen sein. Eine Einheitslösung für alle wird dieser Vielfalt nicht gerecht.

 

Svenja Arbeiter, Marketing & Kommunikation 

 

Dieser Beitrag wurde von Svenja verfasst und erscheint in der Vivazzo Zeitschrift Austausch zum Schwerpunktthema „Arbeitswelten“. Abonnieren können Sie die Zeitschrift (oder den Newsletter) hier.