Rund 2,1 Millionen Menschen in der Schweiz stützen heute jemanden mit einer psychischen Erkrankung – oft leise und über Jahre. Eine neue Studie zeigt, wie wichtig breit diese Unterstützung ist. In diesem Text werden die Ergebnisse der Studie kompakt wiedergegeben.
Manchmal liest man eine Zahl und hält kurz inne: In der Schweiz sind aktuell rund 2,1 Millionen Menschen in der Rolle von Angehörigen oder Vertrauten, die jemandem mit einer psychischen Erkrankung beistehen. Das zeigt die erste repräsentative Studie der Schweiz zu Angehörigen und Vertrauten von Menschen mit psychischen Erkrankungen von Stand by You.
Die neue Stand-by-You-Studie zeigt, wie viele von uns das betrifft: 59 Prozent der erwachsenen Bevölkerung waren irgendwann im Leben schon Angehörige oder Vertraute von Menschen mit psychischen Erkrankungen: Das sind etwa 4,3 Millionen Menschen. Etwa die Hälfte davon ist es gerade jetzt. Viele kennen psychische Krisen auch im erweiterten Umfeld: 90 Prozent kennen mindestens eine betroffene Person, 73 Prozent sogar mehrere.
Was Angehörige leisten – und was es bewirkt
Für 96 Prozent der Betroffenen von psychischen Erkrankungen, welche Unterstützung aus ihrem Umfeld erhalten haben, ist diese Hilfe «wichtig». Mehr als die Hälfte der Betroffenen sagt, sie hätte ohne die Unterstützung zusätzlich mehr professionelle Hilfe gebraucht.
Unterstützung endet selten nach ein paar Wochen: 68 Prozent der Angehörigen und Vertrauten helfen mindestens ein Jahr, ein Drittel sogar länger als fünf Jahre. Das kann Nähe schaffen, kann aber auch Kräfte kosten. Konflikte kommen vor und nehmen mit der Dauer eher zu.
Was das mit Angehörigen macht
Angehörige berichten häufig von Sorge oder Angst um die psychisch erkrankte Person und von Traurigkeit. 37 Prozent hatten schon die Furcht vor einem Suizid der nahestehenden Person. Besonders belastend ist es, wenn jemand aus der Kernfamilie betroffen ist: 73 Prozent der Unterstützenden erleben in dieser Konstellation die Situation selbst als psychisch belastend.
Viele fühlen sich zudem gesellschaftlich zu wenig verstanden – das sagen ebenfalls 73 Prozent der Angehörigen.
Wenn Kinder mitbetroffen sind
Mehr als ein Drittel der heute Erwachsenen hat als Kind miterlebt, dass in der Familie jemand psychisch erkrankt war. Von ihnen berichten auch wieder 73 Prozent, darunter gelitten zu haben – hochgerechnet rund 1,9 Millionen Menschen.
Wo Unterstützung fehlt – und was gewünscht wird
Viele Angehörige wüssten im Ernstfall, wenn es ihnen selbst nicht mehr gut geht, an wen (Person oder Organisation) sie sich wenden können (57 Prozent «ja», 24 Prozent «eher ja»). Doch 19 Prozent der Angehörigen wissen es nicht und sind somit bei Belastungen mit der Begleitung alleine.
Über die Hälfte der Befragten Angehörigen findet, es gebe zu wenige spezifische Angebote für Angehörige und Vertraute (53 Prozent «klar/eher ja»). Als sinnvoll gelten vor allem Anlaufstellen in psychologischen/psychiatrischen Einrichtungen und der Austausch mit Menschen mit ähnlicher Erfahrung. Die Studie zeigt ausserdem, dass viele der vorhandenen Angebote – von Beratungsstellen bis zu Selbsthilfegruppen – kaum genutzt werden, obwohl Angehörige sie grundsätzlich als sinnvoll erachten.
Warum uns das bei Vivazzo besonders bewegt
In der Vivazzo Stiftung sehen wir, wie viel Nähe und Sorge Angehörige in sich tragen – auch dann, wenn ihre Liebsten bei uns wohnen, arbeiten und ihren Alltag in professionellen Strukturen gestalten. Angehörige bleiben wichtige Bezugspersonen, selbst wenn sie nicht täglich begleiten. Gleichzeitig wissen wir, dass diese Rolle Kräfte kostet. Darum versuchen wir das Umfeld dort einzubeziehen, wo es sinnvoll und entlastend ist – immer mit dem Ziel, sowohl die betroffene Person als auch die Angehörigen gut zu unterstützen.
Severin Kolb, Marketing & Kommunikation
Eine kurze Übersicht über die Vivazzo Stiftung finden Sie hier.