Dominique als Peer im Birkenhof

22.01.2026 | Blog >

Als Genesungsbegleiterin in Ausbildung unterstützte Dominique Bewohnende auf Augenhöhe, hinterfragt bestehende Strukturen und zeigt, wie wertvoll Perspektivenwechsel sein können.

 

In den letzten Jahren hat sich einiges verändert in der Psychiatrie. Unter anderem werden Genesungsbegleitende (Peers, Experten aus Erfahrung) eingesetzt.

Ich befinde mich in der Weiterbildung zur EX-IN Genesungsbegleiterin und habe von Februar bis Juni ein Praktikum im Wohnhaus Birkenhof gemacht.

Genesungsbegleitende sind Menschen, die psychische Erkrankung und Genesung durchlebt haben. Erfahrungen mit dem Hilfesystem sowie einen Abschluss als EX-IN Genesungsbegleitung sind weitere Voraussetzungen für diesen Beruf. Peers teilen ihr erweitertes Erfahrungswissen mit Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonen.

Ich mache die 1.5 Jahre dauernde, erfahrungsbasierte Weiterbildung bei EX-IN Schweiz und werde im Februar 2026 meinen Abschluss machen. Wir haben wenige Theorieinputs und setzen uns umso intensiver mit den unterschiedlichen Erfahrungen der Teilnehmenden zu Themen wie Recovery oder Krisenbegleitung auseinander.

Hätte ich vor 20 Jahren einen Berufswunsch angegeben, Genesungsbegleitung wäre es nicht gewesen. Und trotzdem bin ich dankbar, diesen Beruf ausüben zu können.

Ich habe nach einer herausfordernden Kindheit und Jugend meinen Bachelor in Schulmusik mit Klavier gemacht. Meine bis dahin bestehenden, psychischen Schwierigkeiten nahmen immer mehr Raum ein, bis ich vollends zusammenbrach und das erste Mal in eine psychiatrische Klinik eingetreten bin. Ab da begann meine Odyssee durch ein Helfersystem, das mal mehr, mal weniger hilfreich war. Es war ein «Knorz», an den Punkt zu kommen, an dem ich heute stehe. Viele Tränen, gescheiterte Versuche, Stigmatisierung, Selbstzweifel. Und trotzdem ging es Schritt für Schritt vorwärts. Heute sieht mein Leben anders aus, weniger Krisen, weniger Symptome, mehr Lebensqualität. Gesundheit nach der gesellschaftlichen Norm ist nicht mehr mein Ziel, dafür Stabilität, Lebensfreude, eine Tätigkeit, die mich erfüllt.

Psychiatrie kann helfen, sie kann aber auch einengen, Lebensentwürfe zerschmettern und Menschen klein halten. Darum sehe ich meine Arbeit als einen Beitrag, um Betroffenen zur Seite zu stehen, ihre Wünsche und Ziele wiederzuentdecken und zu verfolgen. Ich möchte Fachpersonen Erfahrungswissen zur Verfügung stellen und das System klientenorientierter gestalten.

In meinem Praktikum erlebte ich, wie es ist, als Teil eines Teams zu arbeiten, die verschiedenen Perspektiven kennenzulernen und den Bewohnenden unterstützend zur Seite zu stehen. Für mich war der Austausch mit den Bewohnenden und dem Fachteam bereichernd und spannend. Mir wurde rückgemeldet, dass meine Inputs blinde Flecken aufgedeckt haben, und wie lehrreich das war. Zudem wuchs das Verständnis für Widerstände und die Wichtigkeit von kleinen, machbaren Schritten.

Genesungsbegleitung hat viele Vorteile, sie kann Brücken bauen, Perspektivveränderung anstossen, Hoffnung schenken und neue Wege aufzeigen. Dazu braucht es Offenheit und die Bereitschaft von allen Seiten, dieser neuen Rolle eine Chance zu geben. Die Herausforderung und der Nutzen liegen darin, die eigene Arbeit und Verhaltensweisen zu reflektieren und bestehende Herangehensweisen zu hinterfragen. Das gilt für Fachpersonen, Klienten und natürlich auch mich.

Ich würde mir für die Vivazzo Stiftung wünschen, dass sie langfristig Genesungsbegleitung in allen Bereichen implementieren kann. Ich sehe dies als wichtigen zusätzlichen Schritt, um die Themen Teilhabe und Recovery weiter voranzubringen.

 

Dominique, Genesungsbegleiterin in Ausbildung

 

 

Informationen über das Vivazzo Wohnhaus Birkenhof finden Sie hier.