Delia Geisthardt ist seit März neue Stiftungsrätin bei der Vivazzo Stiftung. Als erste Peer-Stiftungsrätin bringt sie eine Perspektive ein, die es so bisher noch nicht gab – geprägt von eigener Erfahrung und Fachwissen aus der Pflege.
Delia erzählt, sie kenne die Vivazzo Stiftung schon länger. Zur Anfrage als Stiftungsrätin sei sie aber unverhofft gekommen: «Ich bin in einem Verein, der Lebensmittel rettet, dort habe ich die aktuelle Vivazzo Stiftungsrätin Claudia Frei-Wyssen kennengelernt. Sie kennt meine Geschichte und hat mich für den Posten als Peer-Stiftungsrätin angefragt». Ganz klar gewesen sei ihr ihre Rolle damals noch nicht. «Ich wusste zuerst nicht genau, was ich da soll», sagt Delia lachend. Trotzdem sei sie einmal auf das Angebot eingegangen, neugierig und offen. Heute freut sie sich auf die Rolle und ihre Einflussmöglichkeiten.
Peer-Perspektive mit Tiefe
Delia arbeitet in der Pflege und ist auf finanzielle Unterstützung durch die IV angewiesen. Sie kennt psychische Erkrankungen nicht nur aus dem Lehrbuch, sondern aus dem eigenen Leben. Ihre Perspektive soll für die Stiftungsratskolleg:innen sichtbar machen, was Entscheide für das Klientel bedeuten und was sie auslösen können. «Dabei ist sicher sowohl meine Erfahrung mit Menschen im Allgemeinen als auch mein Praxiswissen von Vorteil», erklärt Delia. Sie habe sich halt schon einiges aneignen müssen: «Erfahrung im Umgang mit psychischer Erkrankung, Erfahrung mit dem System, IV-Prozessen, Arbeitsversuchen, Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt und Fachwissen aus dem Gesundheitswesen».
Wohnen, Arbeit und der Druck von Übergangslösungen
Beim Rundgang durch die Angebote der Vivazzo Stiftung sei ihr etwas besonders aufgefallen: «Ich habe diesen Druck nicht gespürt, dass alles nur eine Übergangslösung sein muss.» Einen Druck, den sie aus eigener Erfahrung gut kenne. Dass man hören müsse: Jetzt geht es dir gut, aber das Gerade beim betreuten Wohnen sieht Delia generell einen Engpass. «Für Menschen, die punktuell Unterstützung brauchen, wünsche ich mir mehr Angebote», sagt sie. Menschen, die nicht ganz selbständig wohnen können, aber auch nicht in ein Heim gehören. Auch aus ihrer Arbeit bei der Spitex wisse sie: Unterstützung an wenigen Tagen in der Woche reiche oft nicht aus, besonders in akuten Situationen.
Ressourcen sehen statt Defizite zählen
Umso wichtiger seien Institutionen wie die Vivazzo Stiftung mit Fokus auf psychische Beeinträchtigungen. «Die Psyche sieht man nicht», sagt sie. Umso zentraler sei es, Ressourcen sichtbar zu machen und Potenziale zu fördern. Das stärke auch das Selbstwertgefühl der Klient:innen. Delia erwähnt, wie viel Kraft es braucht, um sich Schritt für Schritt wieder Selbständigkeit zu erarbeiten – und wie herausfordernd administrative Hürden sein können, selbst wenn es einem eigentlich «besser» gehe.
Kaum gewählt, schon mittendrin
Jetzt verschafft sie sich erst einmal einen Überblick: Welche Wohnhäuser gibt es, wo ist betreutes Wohnen, wer arbeitet wo? «Eigentlich eine schöne Aufgabe», sagt sie schmunzelnd. Sie habe die Stiftung ja vorher bereits gekannt – vom Hofladen in Fehraltorf oder vom Weihnachtsmarkt. «Aber ich wusste nicht, wie gross sie ist.» Sie freut sich auf die kommende Retraite, darauf, weiter zu lernen und ihre Blickwinkel einzubringen.
Gespräch: Delia Geisthardt, Stiftungsrätin
Verfasser: Severin Kolb, Redaktionsleiter Austausch
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