Was ich vom Insieme-Forum mitnehme: Vielfalt als Chance

04.12.2025 | Blog >

Svenja war am Insieme-Forum zum Thema «Grundsätze und Grundverständnis der UN-BRK» und teilt in diesem Kommentar ihre persönlichen Gedanken. Sie reflektiert, was die Behindertenrechtskonvention bedeutet, wie sich Leitideen verändert haben und warum Inklusion mehr als ein Schlagwort ist. 

 

Am 11. November fand das Insieme-Forum zum Thema «Grundsätze und Grundverständnis der UN-BRK» statt. Referent war Johannes Schmuck, der Sozialpädagogik und Philosophie studiert hat und über mehrjährige Berufserfahrung in Heimen und sozialen Institutionen verfügt. 

Wir haben uns mit folgenden Fragen beschäftigt:
– Was sind die Grundsätze und die Grundaussagen der UN-Behindertenrechtskonvention?
– Was ist hier mit «Behinderung» gemeint?
– Wie sieht die Entwicklung einiger zentraler agogischer Leitideen aus? 


Die UN-BRK: Rechte ohne Vorbehalt
 

Die UN-BRK ist die UN-Behindertenrechtskonvention. Vereinfacht gesagt, stellt sie klar: Menschen mit Behinderungen sind vollwertige Menschen und haben dieselben Menschenrechte wie alle anderen.  

Diese Rechte müssen nicht «verdient» werden – sie gelten unabhängig vom Verhalten oder von individuellen Eigenschaften. Sie sind universell und gelten für alle Menschen, nicht nur für bestimmte Gruppen aufgrund von Hautfarbe, Herkunft oder Art der Beeinträchtigung.  

Ihr Ziel ist es die Rechte von Menschen mit Behinderung weltweit zu stärken und Diskriminierung zu verhindern die Autonomie und die Einbeziehung und Teilhabe in die Gesellschaft zu fördern. In der Schweiz trat sie seit Mai 2014 in Kraft.  

 

Behinderung neu gedacht 

Früher wurde Behinderung als individuelles Defizit betrachtet. Heute versteht man sie als Ergebnis der Wechselwirkung zwischen einer Beeinträchtigung und gesellschaftlichen Barrieren.  

Ein Beispiel: Eine Person im Rollstuhl möchte eine Treppe hinauf. Früher galt die Person als «behindert». Heute sieht man die Umgebung als das eigentliche Hindernis, denn gäbe es eine rollstuhlgerechte Rampe, wäre die Person nicht mehr eingeschränkt.  

Wenn man ausschliesslich Treppen baut, obwohl Rampen möglich wären, verstösst das gegen das Menschenrecht auf gleichberechtigte Teilhabe.
 

Persönliche Erfahrung und Diskriminierung 

Während der Präsentation haben wir in kleineren Gruppen verschiedene Fragen diskutiert, zum Beispiel: «Wann erleben wir im Alltag selbst Einschränkungen?» Dabei entstanden spannende und bereichernde Gespräche. 

Mir wurde dabei vieles bewusst: Als Betroffene interessiere ich mich sehr für das Leben und die Stimmen anderer Menschen mit Beeinträchtigungen. Aber erst als ich selbst Caretaker für eine beeinträchtigte Person war und später eine eigene Diagnose erhielt, erkannte ich, wie stark Menschen mit Behinderungen diskriminiert werden.  

Diese Diskriminierung zeigt sich nicht nur in abfälligen Kommentaren einiger Politiker oder in hitzigen Diskussionen in Kommentarspalten, sondern auch in systematischen Benachteiligungen durch Gesetze.
 

Mehr Sichtbarkeit und Vielfalt

Ich wünsche mir, mehr Menschen mit Beeinträchtigungen in der Öffentlichkeit zu sehen: in der Politik, in Kunst und Kultur, im Sport und im Alltag. Viel zu lange wurden Menschen mit Beeinträchtigung in Institutionen versteckt. Dadurch fehlen vielen «nicht betroffenen» Menschen die Berührungspunkte und das Verständnis.  

Darüber hinaus wünsche ich mir generell mehr Diversität: Menschen mit Migrationsgeschichte, queere Personen und alle, die bisher von unserer Gesellschaft eher an den Rand gedrängt oder unterdrückt wurden. Denn eine vielfältige Gesellschaft bereichert uns alle. 


Von der Verwahrung zu Selbstbestimmung
 

Wie sieht die Entwicklung einiger zentraler agogischer Leitideen aus? Von ca. 1945 bis 1960 war die Leitidee in Institutionen und Anstalten die Verwahrung. Das Ziel bestand in der «Satt-und-sauber»-Pflege.  

Von ca. 1960 bis 1990 rückte die Förderung in den Vordergrund. Seit den 1990er-Jahren liegt der Schwerpunkt auf Begleitung und Assistenz.  

Dabei wird stärker auf individuelle Wünsche geachtet und die Autonomie unterstützt. Wo früher die einzige Priorität war, dass die Bewohner in den Institutionen sauber und satt waren, setzt man sich heute dafür ein, dass Menschen selbst über ihren Wohn- oder Arbeitsort entscheiden können – ebenso über Ferien, deren Zeitpunkt und ob sie in der Gruppe reisen möchten.
 

Fortschritt, aber nicht um jeden Preis

Es gibt Unterschiede zwischen Selbstbestimmung und Selbständigkeit: Ein Mensch kann autonom sein und dennoch auf fremde Hilfe angewiesen – das eine schliesst das andere nicht aus. Umgekehrt kann jemand selbständig sein und trotzdem sehr fremdbestimmt leben. Selbstbestimmung kann nicht stellvertretend für jemand anderen ausgeübt werden. 

Selbstbestimmung bedeutet nicht, rücksichtslos die eigenen Interessen durchzusetzen, ohne Impulskontrolle oder planlos und verantwortungslos zu leben. Es geht nicht um ein «Ponyhof»-Ideal, sondern um die Frage: Behandeln mich Fachpersonen und Angehörige wie einen erwachsenen Menschen oder wie ein hilfloses, trotziges Kind? Wollen sie mich dauernd erziehen oder unterstützen sie mich? – und das ist ein entscheidender Unterschied. 

Auch hier gab es interessante Diskussionen unter den Teilnehmenden: Einige betroffene Eltern sowie Betreuer:innen oder Pfleger:innen befürworten diese neue Entwicklung, andere sehen Risiken darin. Es wird hier wieder einmal deutlich: «Es gibt keine Kübellösung für alle.» 

Ein Kommentar ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Fortschritt soll nicht gescheut werden. Aber wenn eine Gesetzesänderung für Betroffene mehr Probleme schafft als sie löst, sollte man die Möglichkeit haben, sie wieder rückgängig zu machen. 
 

Fazit: Wir stehen erst am Anfang

Vor dem Forum hatte ich mich persönlich noch nie mit der UN-BRK beschäftigt. Für mich war vieles neu, aber der Vortrag und die Diskussionen waren äusserst bereichernd. 

In den letzten Jahrzehnten ist viel passiert und doch stehen wir gefühlt erst am Anfang. Es braucht weiterhin Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit, aber auch jede und jeder Einzelne kann einen Beitrag leisten. 

Wenn man bisher keine Berührungspunkte mit dem Thema hatte, könnte man ein Buch von einer Person mit Behinderung lesen, einen Podcast hören oder diese Inhalte im Freundeskreis weiterempfehlen. So können wir gemeinsam Schritt für Schritt mehr Verständnis und Inklusion schaffen. 

Svenja Arbeiter, Marketing & Kommunikation 

 

Es gibt einige Blog-Beiträge, die zum Thema passen: im letzten Beitrag ging es um den Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen.

Foren insieme Zürcher Oberland
UN-Behindertenrechtskonvention – Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen