Was als kurzer Blick aufs Handy beginnt, endet nicht selten in einer unerwarteten Spirale aus Videoclips und bunten Bildern. Dahinter steckt kein Zufall, sondern ein Zusammenspiel aus Design, Algorithmen und psychologischen Reizen.
Ich sitze auf dem Sofa mit meinem Handy in der Hand – eigentlich wollte ich nur kurz schauen, ob meine Freundin geschrieben hat. Stattdessen schaue ich das vierte Video einer niedlichen Otterfamilie. Denn als ich den Messenger öffnen wollte, ploppte eine Benachrichtigung auf: Ein neues Video vom abonnierten Tierkanal! Ein Klick, und schon begrüsst mich ein schwimmender Otter.
Als vernünftiger Erwachsener hätte ich jetzt gerne erzählt, dass ich die App sofort geschlossen habe. Tatsächlich habe ich mich aber noch von vier weiteren Videos einlullen lassen – bis ich 15 Minuten später merke: Eigentlich wollte ich gar keine Videos schauen, sondern meine Nachrichten überprüfen. Warum also lasse ich mich, trotz Medienkompetenz, so leicht ablenken?
Bunt und knallig
Als allererstes ist bei einem entsperrten Handy der Weg von der offenen Messenger-App zur aufgeploppten Benachrichtigung extrem kurz. Es reicht ein Bruchteil des Anreizes und schon hat der Daumen auf die Benachrichtigung getippt und die ersten farbigen Inhalte lachen mich an.
Wobei wir direkt beim nächsten Punkt sind: Die bunten und knalligen Farben der App und der Vorschaubilder haben einen grossen Anreiz auf die meisten Menschen. Das lässt sich schön individuell testen, indem man das Handy in den Graustufenmodus versetzt (siehe Tipps). Die Farben und die präzise ausgewählten Video-Vorschaubilder verleiten mich also dazu, das Video anzuwählen.
Das schnelle Glück
Während ich das Video schaue, bin ich von den kurzgeschnittenen Sequenzen, den vielen Bewegungen und überraschenden Situationen in den Bann gezogen und mein Gehirn schüttet einiges an Glückshormonen aus. Es fühlt sich für mich also im Moment toll an, diese Videos zu schauen.
Ist das erste Video zu Ende, startet YouTube automatisch durch die «Autoplay-Funktion» das nächste Video, welches mir vermutlich gefallen könnte. Ich müsste mich also in diesem Moment aktiv fragen, ob ich eigentlich etwas anderes vorhatte und somit das Video pausieren und die App schliessen sollte. Da ich jedoch, während ich mir dazu Gedanken machen sollte, immer noch faszinierende Ausschnitte der Otterfamilie sehe, fällt mir dieser Schritt schwer.
Wer hat an der Uhr gedreht
Erst nach dem fünften algorithmisch vorgeschlagenen Video realisiere ich, wie viel Zeit ich gerade mit etwas verbracht habe, was ich so überhaupt nicht beabsichtigt hatte. Der Zeitaspekt gibt mir dann den nötigen Anstoss, das Video zu pausieren, die App zu schliessen und das Handy wegzulegen.Dieses Beispiel zeigt, wie es in vielen Fällen schnell passiert, dass man sich nur schwer vom Handy lösen kann. Dahinter stecken jedoch gezielte Funktionen des Handys und der Apps, sogenannte «Dark Patterns», die sich mit verschiedenen Strategien effektiv abschwächen lassen.
Tipps zur Reduktion der Bildschirmzeit:
- Appeinschränkungsfunktionen (Android «Digital Wellbeing» und iOS «Bildschirmzeit») nutzen
- Benachrichtigungen ausschalten und nur für die wichtigsten Dinge gezielt einschalten
- Ab und zu das Smartphone in den Graustufenmodus umschalten oder zumindest den Farbmodus in einen neutraleren oder den Nachtmodus wechseln
- Jegliches Auto-Play ausschalten und nur bei gezielten „Binge-watching-Sessions“ einschalten
- Gewohnheit antrainieren nur Inhalte zu schauen, die man selbst gezielt gesucht und ausgewählt hat.
- Sich regelmässig mit dem eigenen Handykonsum auseinandersetzen und überlegen, aus welchen Gründen man das Handy nutzt und wie es einem danach geht.
Autor: Pascal Streule, Wissenschaftlicher Assistent Fachgruppe Medienpsychologie, ZHAW
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