Wenn im Birkenhof die Giraffe spricht – Gewaltfreie Kommunikation bei den Bewohnenden

04.08.2025 | Blog >

Einmal im Monat treffen sich die Bewohnenden des Birkenhofs zu der Erfahrungsgruppe Gewaltfreie Kommunikation. Klingt theoretisch? Ist es nicht. Zwischen Rollenspiel, Taschenkarten und der Giraffe Gisela geht es ganz praktisch darum, wie man im Alltag gewaltfreier miteinander umgeht. 

„GFK!“ – ruft jemand mitten in einem Streit. Es ist laut, es wird diskutiert, dann dieser Ausruf. Die Szene gehört zum kleinen Rollenspiel, das im Rahmen der vierten Erfahrungsgruppe (ERFA) Gewaltfreie Kommunikation im Birkenhof gespielt wurde. Die Bewohnenden lachen, erkennen sich wieder – und analysieren danach gemeinsam, was da eigentlich genau passiert ist. Denn die ERFA-GFK im Birkenhof richtet sich ausschliesslich an Bewohnerinnen und Bewohner. 

Bedeutung GFK

GFK steht für Gewaltfreie Kommunikation. Entwickelt wurde sie vom Psychologen Marshall Rosenberg und ist im Grunde eine Methode, um besser miteinander in Kontakt zu treten – ehrlich, klar und gleichzeitig empathisch. Die Methode basiert auf vier Schritten: 

  1. Beobachtung 
  2. Gefühle 
  3. Bedürfnisse 
  4. Bitte 

In der aktuellen Sitzung Mitte Juli ging es um den 4. Schritt – die Bitte. In den drei vorangegangenen Treffen hatten sich die Teilnehmenden bereits ausführlich mit den anderen Aspekten beschäftigt, besonders intensiv mit den Gefühlen. „Denn nur wenn man seine Gefühle benennen kann, kann man ausdrücken, wie es einem geht – und welche Bedürfnisse dahinterstehen“, erklärt Susanne, eine der beiden ERFA-Leiterinnen.  

Giraffensprache trifft Wolfssprache

Zur Veranschaulichung begleiten auch zwei tierische Figuren jede ERFA: Gisela die Giraffe, Symbol für die herzöffnende, einfühlsame Sprache der GFK – und Hugo der Wolf, der für die konfrontative, anklagende Wolfssprache steht.  

Die Giraffe – mit ihrem grossen Herzen und dem Überblick – spricht über Gefühle und Bitten. Der Wolf hingegen urteilt, fordert und kritisiert. Ziel ist es, mit der Giraffensprache in Verbindung zu kommen – mit sich selbst und anderen. 

GFK für die Hosentasche

Damit das im Alltag gelingt, haben alle Klient:innen eine kleine Karte bekommen, auf der verschiedene Gefühle und Bedürfnisse aufgelistet sind. Diese kann in der Hosentasche mitgetragen werden – als Mini-Navigator durch den Emotionsdschungel. So fällt es leichter, im Moment innezuhalten, die Karte hervorzuholen und sich zu fragen: Wie geht es mir gerade? Was brauche ich wirklich? 

Bitte oder Forderung? – Gar nicht so einfach

Ein spannender Teil der ERFA-GFK-Bewohner:innen Birkenhof war das gemeinsame Üben: Ist das jetzt eine Bitte oder eine Forderung? Isabelle, die zweite Gruppenleiterin, stellt Sätze in den Raum wie: „Hol mir ein Glas Wasser“ oder „Könntest du mir bitte ein Glas Wasser bringen?“ Die Gruppe diskutiert, ob es nun eine Forderung oder eine Bitte war. Schnell zeigt sich: So einfach ist das nicht. Aber genau darum geht es – den Unterschied zwischen Bitte und Forderung spürbar und verstehbar zu machen. 

Vom Rollenspiel zur Realität

Der Höhepunkt war das eingangs erwähnte Rollenspiel, das auf einer echten Situation im Birkenhof basiert: Zwei Personen streiten sich, eine dritte ruft „GFK!“ – die Teilnehmenden amüsieren sich prächtig über die kleine Theatereinlage. Doch danach wird es ernst: Was hätte man anders machen können? Welche Gefühle waren im Spiel? Welche Bedürfnisse standen dahinter? 

Eine Bewohnerin sagt nachdenklich: «Hier gibt es manchmal auch Streit.» Eine andere fügt hinzu: «Wenn ich müde bin, vertrage ich nicht so viel.» Diese ehrlichen Reflexionen zeigen: Die GFK ist nicht nur Theorie – sie beginnt langsam, im Alltag der Bewohnenden Fuss zu fassen. 

Was bleibt?

Nach 30 kurzweiligen Minuten ist die ERFA vorbei. Die Gruppe freut sich auf das Abendessen, aber auch auf die nächste Runde. Denn wie Susanne sagt: «GFK ist wichtig für unsere Bewohnenden, aber auch für alle anderen.» Und Isabelle ergänzt: «Ich hoffe, wir können ihnen damit ein Werkzeug geben, Konflikte besser zu lösen.» Mit Karten, Tieren, Theater und viel Humor lernen die Bewohnenden des Birkenhofs Schritt für Schritt, wie man friedlicher miteinander umgeht. Und manchmal beginnt der Weg zur Giraffensprache eben mit einem lauten „GFK!“ mitten im Streit. 

Severin Kolb, Marketing & Kommunikation, Vivazzo Stiftung

 

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über Marshall Rosenberg: Marshall B. Rosenberg – Fachverband Gewaltfreie Kommunikation e. V.