In unserer Stiftung gibt es eine eigene ERFA-Gruppe für Lernende Wohnen – ein Raum, in dem man unter sich ehrlich sprechen kann und Alltagsthemen einen Platz bekommen. Das tut gut, schafft Orientierung und stärkt das Miteinander im Betrieb.
Im Sitzungszimmer der Geschäftsstelle haben sich an einem kühlen Mittwochnachmittag vier FaBe-Lernende zur ERFA (ERFA = Erfahrungsaustausch Gruppen) versammelt. «Hier kann man offen und ehrlich sein», sagt Linda, Lernende Buchenhof. Sie fühle sich an den ERFA-Treffen wohl, man könne Sorgen teilen, Fragen klären und gemeinsam Lösungen finden. «Wir haben ähnliches Wissen und profitieren voneinander», ergänzt David, Lernender Buchenhof. Es sei wertvoll zu hören, wie es den anderen gehe und welche Wege sie gefunden hätten. Isabelle, Lernende Birkenhof, meint: «Es ist schön, alle wiederzusehen und Tipps mitzunehmen.» Jana, Lernende Birkenhof, ergänzt: «Im Alltag fehlt oft die Zeit für solche Gespräche.»
Die Lernenden erzählen, die ERFA sei ein sicherer Ort, an dem man Dinge beim Namen nennen darf, ohne sich rechtfertigen zu müssen. So entstehe Vertrauen, und man gehe mit mehr Klarheit zurück in den Alltag.
Warum es diese Gruppe braucht
Jessica Segmüller, verantwortlich für die Kurse, erklärt: «Die Themen der Treffen entstehen teils aus den Arbeitsbereichen, teils aus den Anliegen der Lernenden. Vieles wird in der Berufsschule nur am Rand behandelt. In der ERFA lernen die Lernenden deshalb konkrete Instrumente für den Umgang mit psychisch erkrankten Menschen kennen.»
Gleichzeitig soll das Angebot den Lernenden helfen, ihre Rolle besser zu verstehen. Besonders das Setzen von Grenzen sei ein wiederkehrendes Thema. Jessica betont, dass viele Lernende noch sehr jung sind und im Berufsalltag früh mit Lebenskrisen konfrontiert werden – und genau da wolle man sie in der ERFA abholen.
Die Ziele der ERFA sind somit klar: Wissen weitergeben und ergänzen, Lösungen gemeinsam entwickeln, gute Praxis sichtbar machen, sich vernetzen und neue Ideen anregen. In der ERFA kommen unterschiedliche Lehrjahre zusammen; man hört, was in den verschiedenen Bereichen läuft und was in der Schule nicht genügend abgedeckt wird.
Es ist Jessica wichtig, blinde Flecken im Bereich der Ausbildung innerhalb der Stiftung zu erkennen und Rückmeldungen der Lernenden intern weiterzugeben, gerade weil die Vivazzo Angebote dezentral organisiert sind.
Thema: Umgang mit Medikamenten
Das Treffen beginnt mit einer kurzen Befragung und einem Austausch zum Thema Medikamente. «In der Schule ist vieles sehr oberflächlich, drei bis vier Lektionen zum Thema Medikamente haben wir nur gehabt», sagt eine Lernende. «Wir haben Insulin gespritzt und Medis gerichtet im ÜK (=überbetrieblicher Kurs)», erzählt Linda. Jana berichtet von praktischen Übungen und Isabelle sagt: «Ich musste eine Lerndoku schreiben, dann durfte ich Medis abgeben – in anderen Wohnhäusern durften die Lernenden das aber schon viel früher machen.»
«Das Theoretische kann man nachschlagen», meint Linda, «aber die Alltagspraxis macht den Unterschied.» Die Lernenden wünschten sich, den praktischen Umgang mit Medikamenten zu stärken: Reservemedikation, Sicherheit, Abläufe bei Fehlern, Kommunikation mit Ärzten und Spitälern. Man stellt fest: Der Umgang mit Medikamenten wird in den Vivazzo-Bereichen unterschiedlich gehandhabt. Die Lernenden sind sich einig: Eine einheitliche Lösung wäre hilfreich und eine Vertiefung des Wissens sinnvoll.
Jessica teilt den Lernenden mit, dass man gerade prüfe, einen internen Kurs über den Umgang mit Medikamenten den Lernenden der Stiftung zu öffnen. «Der Kurs war bisher nicht für Lernende gedacht», sagt sie, «aber nach unserem Gespräch kann ich mir gut vorstellen, dass der Kurs für euch eine Bereicherung wäre» Die Gruppe zeigt deutlich Interesse. Man wolle Wissen zentralisieren, Unterschiede zwischen den Bereichen verringern und Alltagssicherheit gewinnen.
Intervision: gemeinsam hinschauen
Im Anschluss an die rege Diskussion über den Umgang mit Medikamenten übt die Gruppe Intervision: eine kollegiale Fallbearbeitung. Dabei läuft die Besprechung nach einem vorgegebenen Schema ab. Der gewählte Fall: Ein realer Sachverhalt, der aktuell in einem Wohnhaus die Lernenden und Fachpersonen in der Betreuung beschäftigt.
Die Lernenden stellen Verständnisfragen, ordnen das Gehörte ein und formulieren Hypothesen. Man vermute, der störende Klient suche Aufmerksamkeit, wolle Ziele erreichen, meide Verantwortung und sei vielleicht ängstlich oder gelangweilt.
Aus den Überlegungen entstehen konkrete Lösungsansätze: strukturierte Beschäftigung, klare schriftliche Regeln, feste Zeitfenster für Anliegen. Man hält fest, dass transparente Kommunikation im Umgang mit dem Klienten helfen kann und dass klare Konsequenzen bei Fehlverhalten Sicherheit geben würden. So werde der Alltag handhabbar, das Team bleibe arbeitsfähig und werde entlastet.
ERFA als sicherer Hafen
Die Lernenden sagen, die ERFA sei ein sicherer Hafen: Man spreche offen, lerne voneinander und kann auch mal den Kopf lüften, über das, was im Betrieb jeden Tag passiert. Dabei ist die gemeinsame Pause der Lernenden bei der ERFA genauso wichtig wie die behandelten Themen: «Im Arbeitsalltag haben wir selten die Ruhe und die Zeit uns so offen auszutauschen. Oft sprechen wir dort über die Arbeit». Am Ende steht ein schlichtes Fazit der Lernenden: «Wir gehen mit einem guten Gefühl zurück in den Arbeitsalltag.»
Severin Kolb, Marketing & Kommunikation
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