Digitalisierung in Fahrt – Inklusion bleibt am Bahnsteig zurück

20.10.2025 | Blog >

Die digitale Welt verspricht Schnelligkeit, Effizienz und Selbständigkeit – doch nicht alle können gleich gut mit. Für Menschen mit Beeinträchtigungen bringt die Digitalisierung neue Barrieren, Unsicherheit und manchmal sogar zusätzliche Kosten. Dieser Beitrag zeigt exemplarisch, wo Probleme liegen. 

 

Kein Handy – keine Teilhabe?

Ohne Smartphone, Computer oder Internetzugang wird es im Alltag immer schwieriger: Fahrkarten, Arzttermine, Bankgeschäfte oder Einkäufe – vieles geht heute nur noch digital. Wer kein Gerät hat oder damit nicht umgehen kann, steht oft hilflos da. Besonders hart: Sogar für einfache Dinge wie den Gang zur Toilette bei der SBB oder einen Besuch am Weihnachtsmarkt braucht es manchmal Twint oder Kreditkarte. Von der online Menükarte in Restaurants via QR-Code ganz zu schweigen. Wer nur Bargeld hat oder auf Hilfe angewiesen ist, wird ausgeschlossen.

Online-Formulare statt persönlichem Gespräch

Immer mehr Behörden, Versicherungen oder Krankenkassen bieten ihre Dienstleistungen nur noch digital an. Das klingt praktisch – ist es aber nicht für alle. Denn viele Anträge, wie zum Beispiel für IV oder Krankenkassen, gibt es nur noch online. Die Plattformen sind oft kompliziert, und viele Betroffene können sich darauf nicht selbständig zurechtfinden. Ohne Unterstützung geht wichtige Teilhabe verloren.

„Drücken Sie die 1 …“ – aber wohin?

Digitale Hotlines mit Sprachmenüs oder Chatbots sind für viele Menschen mit Beeinträchtigungen kaum verständlich. Die Ansagen sind oft zu schnell oder zu kompliziert. Was für andere ein kurzer Anruf ist, wird zur Nervenprobe – oder bleibt ganz unerledigt. Ein persönliches Gespräch mit einer Person am anderen Ende wäre für viele die bessere Lösung.

Achtung, Abzocke und Schulden!

Im Internet lauern viele Fallen: Fake-Nachrichten auf WhatsApp, Liebesbetrug, angebliche Online-Shops oder dubiose Angebote wie Möbelabholungen mit versteckten Kosten. Manche Menschen erkennen diese Tricks nicht und tappen in die Falle. Auch das Gespür für Geld fehlt manchmal – da wird beim Online-Shopping zu viel bestellt oder überteuerte Verträge abgeschlossen. Die Folge: Schulden, Stress und Unsicherheit.

Social Media und Medienkompetenzen

Wer kein WhatsApp, Instagram oder Zoom nutzt, hat es schwer, mit anderen in Kontakt zu bleiben. Viele Gespräche und Gruppen finden heute digital statt. Wer da nicht mitkommt, fühlt sich schnell abgehängt – und einsam.

Gleichzeitig fehlt vielen die Medienkompetenz: Was darf ich posten? Welche Bilder sind erlaubt? Was ist privat? Menschen mit Beeinträchtigung fehlen häufig kontinuierliche und alltagsnahe Begleitungen im Umgang mit digitalen Medien und Social Media – denn die Vielzahl an unausgesprochenen Regeln, ständig neuen Funktionen und möglichen Fallstricken lässt sich kaum in einer einmaligen Schulung vermitteln.

Plötzlich alles anders – nach dem Update

Viele Programme und Apps verändern sich ständig. Heute funktioniert es so – morgen wieder anders. Für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder psychischen Erkrankungen kann das sehr frustrierend sein. Was man einmal verstanden hat, geht nach einem Update plötzlich nicht mehr. Das sorgt für Unsicherheit – und manchmal auch dafür, dass man ganz aufgibt.

Wer nicht digital kann, zahlt drauf

Für Menschen, die ohne App oder Computer leben, wird vieles nicht nur schwieriger – sondern auch teurer. Wer heute am Bankschalter bezahlt anstatt im E-Banking, muss oft eine Zusatzgebühr zahlen. Versicherungen verlangen Geld, wenn Rechnungen per Post statt digital kommen sollen. Und im Bus kann man neuerdings mit Bargeld kein Ticket mehr lösen – wer kein SBB-App hat, gerät schnell in Stress und fährt mit der Angst vor einer Busse mit. Wer nicht digital kann, wird mit Gebühren bestraft. Das trifft Menschen, die sowieso schon oft finanziell nicht gut dastehen, wie Seniorinnen und Senioren oder Menschen mit Beeinträchtigungen.

Digitale Begleitung? Schwierig machbar

Menschen mit Beeinträchtigungen sicher durch die digitale Welt zu begleiten, ist oft kaum möglich. Betreuende können nicht rund um die Uhr daneben sitzen – und doch lauern überall Risiken: Fake-Mails, ungewollte Bestellungen, Sicherheitsabfragen, Updates, neue Passwörter. Ohne Zugang zu persönlichen Daten oder Passwörtern ist Hilfe oft erschwert oder gar nicht erlaubt. Twint, Online-Banking oder Zwei-Faktor-Logins setzen Kenntnisse und Strukturen voraus, die im Alltag fehlen. Hinzu kommt, dass nicht alle Fachpersonen im sozialen Bereich auch Expert:innen in IT-Belangen sind. Selbst mit viel Engagement stossen Begleitpersonen hier an klare Grenzen.

 

Severin Kolb, Marketing & Kommunikation und Tanja Oswald, Buchenhof

 

Dieser Artikel ist in der Vivazzo Zeitschrift „Austausch“ erschienen. Weitere Austausch Ausgaben finden Sie hier.