Gehören Angst und Mut wirklich zusammen – oder schliessen sie sich aus? In diesem Text stellt sich Simon genau diese Frage und nimmt uns mit in persönliche Momente, in denen Angst präsent war und Mut trotzdem seinen Platz fand
War das mutig oder war ich dort einfach zu ängstlich? Diese Frage habe ich mich in den letzten Tagen oft gefragt. Denn als ich überlegte, was ich hier schreiben könnte, über das Thema Mut in meinem Leben, musste ich immer an Momente denken, die mir grosse Angst machten.
Es scheint mir, als seien Angst und Mut zwei Seiten derselben Münze.
Gibt es Mut ohne Angst?
Wenn ich darüber nachdenke, wie ich dazu kam, diesen Artikel zu schreiben, wirkt es fast widersprüchlich. Als ich erstmals gefragt wurde, ob ich etwas beitragen möchte, hiess es: «Beim Thema Mut musste ich an dich denken.» Das verwirrte mich, denn ich halte mich für einen sehr ängstlichen Menschen. Trotzdem nahm ich es als Kompliment. Als ich dann zusagte, sagte dieselbe Person: «Ich musste beim Thema Angst an dich denken.» Und da frage ich mich: Was nun – bin ich ein Angsthase oder mutig? Eine Münze, zwei Seiten.
Ich denke an unseren Hund Jack. Als Welpe rannte er einst voller Freude in einen Bienenschwarm. Ohne zu überlegen, lief ich ihm hinterher. War einer von uns mutig? Er wollte spielen, ich handelte aus Reflex und Sorge. Mut würde ich es bei keinem von uns nennen.
Was Mut auslöst
Dies bringt mich jedoch auf einen weiteren Gedanken: Mut braucht vermutlich eine Motivation. Es gab Jahre, in denen ich mich vor der Welt versteckt habe. Alles machte mir Angst, ich verbrachte meine Tage gelähmt in meiner Wohnung. Was gab mir schlussendlich den Antrieb, wieder rauszugehen? Ein Familienstreit. Dass meine Familie väterlicherseits wenig von mir hält und ich ihnen ohnehin nie genügen kann, habe ich längst akzeptiert und den Kontakt abgebrochen. Der Gedanke, es nochmals zu versuchen, war da, doch die Angst vor erneuter Verurteilung hielt mich zurück.
Dann kam eine Situation, in der Gespräche mit der Familie unausweichlich waren. Alte Muster legten sich wieder über mich. Warum sollte ich mich wehren, wenn ich doch weiss, dass ich für sie der Schandfleck bleibe? Mein erster Schub an Mut seit Jahren kam aus dem Bedürfnis, andere zu schützen – und, ehrlich gesagt, auch aus Wut.
Wut oder Schutz anderer
Anfangs konnte ich Mut nur über einen dieser beiden Wege f inden: Es musste für jemand anderen sein, oder ich musste Wut verspüren. Dies ging eine Weile ziemlich gut: Wut, wehren, Grenzen setzen, kämpfen, auch wenn ich Angst habe.
Nun in letzter Zeit merke ich, dass mein Mut für andere mehr aus Angst kommt. Angst, jemanden leiden zu sehen oder zu enttäuschen. Angst nicht zu genügen.
Wut? Ist vielleicht ganz am Anfang eine gute Motivation, aber war es nach dem kurzen Moment von Wut nicht das Gefühl von Gemeinsamkeit zu meinen Geschwistern und Eltern, das mich bestärkte?
Mut im Versuch
Ich finde es schwierig, hier im Text nicht abzuschweifen und meine eigentliche Angst zu verstecken: Ich habe Angst, diesen Text zu schreiben. Im Fokus zu sein oder nur schon ein bisschen aufzufallen, sind zwei meiner grössten Ängste. Dann kann jeder meine Fehler und Schwächen sehen.
Aber genau deshalb habe ich zugesagt, hier etwas zu schreiben. Ich will meine Angst konfrontieren, und ich spüre, dass der «Austausch» dafür eine gute Gelegenheit ist. Mein momentanes Verständnis von Mut ist: Meine Ängste und Schwächen wahrzunehmen und zu akzeptieren, ohne ihnen alle Macht zu geben. Sie zu konfrontieren, wenn sie mir im Weg stehen. Vielleicht kommt es gut, vielleicht nicht – und das ist ok. Der Wille, es zu versuchen, genügt bereits.
Also auch wenn es mir gerade schwer fällt… Es freut mich, dass ihr mir einen Moment der Aufmerksamkeit geschenkt habt. Danke an alle, die mich auf diesem Weg der Angst und des Muts begleitet haben und werden.
Simon Buchmann, Vivazzo Holzmanufaktur
Dieser Beitrag ist im Rahmen des Magazins «Austausch» zum Thema Mut entstanden. Bestellen kann man den «Austausch» hier.
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